Rezension

Entrance

Danger in Dream

2001 CD 17 Tracks 63:33
★★★★☆ 8.1/10 (14 Stimmen)
Diese Rezension wurde von Martin Rothhaar verfasst am 26. September 2001 und stammt aus dem MEMI-Archiv (1994–2005).
Das Onesheet des Labels Virtual Music bezeichnet dieses Album als "neue Berliner Schule". Das deutet bereits darauf hin, dass das, was die beiden Musiker des Wiener Elektronik-Projekts Danger in Dream auf ihrer ersten Veröffentlichung "Entrance" abliefern, sich mehr oder weniger stark an den Werken von Altmeistern wie Klaus Schulze, Bernd Kistenmacher oder Tangerine Dream (- die klangliche Ähnlichkeit des Projektnamens scheint also durchaus bewußt gewählt -) orientiert.

Und tatsächlich fühlt man sich bei dem Genuß dieses Albums ein Stück weit zurückversetzt in die "gute alte Elektronikzeit", in der endlose, vielschichtige Sequenzen noch neu, dominierend und damit das Salz in der elektronischen Suppe waren.

Also wieder einmal eine Combo, die im Gestern stecken geblieben ist und nur das neu aufwärmt, was KS, TD & Co. bereits in den Siebzigern und Achtzigern erfolgreich praktiziert haben? - Mit Nichten! Die Betonung bei der stilistischen Einordnung dieser Musik sollte tatsächlich auf neue Berliner Schule liegen. Denn es sind zwar die Sequenzen und auch oft die analogen Sounds, die einen wesentlichen Bestandteil der Musik von Danger in Dream ausmachen, jedoch wird die Berliner-Schule-Elektronik hier weitaus moderner und oft auch einfach "agiler" dargeboten, als es die offensichtlichen Vorbilder in der Vergangenheit taten.

"Entrance" bietet fünf nahtlos ineinander übergehende Tracks mit Spiellängen zwischen 1:37 und 19:34 Minuten - eine weitere Anlehnung also an die meist ebenfalls epischen Werke der Altmeister.
Doch nun zur Musik selbst: Die Arrangements dieses Albums basieren zum größten Teil auf Arpeggios und Synth-Sequenzen, ergänzt durch analoge Basslinien, spacige Flächen und prägende analoge Lead-Melodien. Natürlich finden auch Drum- und Percussion-Elemente ihre Anwendung, jedoch wirken diese meist eher unterstützend versuchen nicht, sich in den Vordergrund der Kompositionen zu drängen.

"Entrance" bietet wirklich gelungene "Old Fashion"-Elektronik, die es schafft, eine stets spannend-relaxte Athmosphäre zu schaffen. Das letzte geniale i-Tüpfelchen sind dabei fast immer die Lead-Melodien: perfekt in das Gesamtarrangement eingebettet und so gezielt eingesetzt, dass selbst 19-minütigen Tracks es spielend schaffen, über die gesamte Dauer ihre Spannung zu halten. Das Paradebeispiel dafür und gleichzeitig das absolute Highlight des Albums ist der Titel "Tyrell's Vision". Ein sensationeller Track, den man einfach nicht oft genug hören kann!

Bei allen Retro-Elementen und "historischen" Anlehnungen von "Entrance" ist jedoch stets zu merken, dass es sich um ein Produkt des Jahres 2001 handelt: Die Produktion ist perfekt, der Sound glasklar, dabei jedoch immer noch "analog". - Eine Kombination von alter und neuer Welt, wie ich sie zuvor annähernd nur auf der "Ambience"-CD des Brainwork-Albums "V" gehört habe.

Die beiden Musiker von Danger in Dream (die es übrigens vorziehen, anonym zu bleiben) bieten mit ihrer aktuellen Veröffentlichung auf dem Wiener "Virtual Music"-Label eine digitale Hommage an die Altmeister der Elektronik. Wer der Elektronik der 70er und 80er nachtrauert, gleichzeitig aber auf zeitgemäße Produktion und digitales Finetuning steht, darf sich dieses Album nicht entgehen lassen.

Anspieltipp: "Tyrell's Vision" (10-16)


P.S.: Dass auch der Album-Titel eindeutig an ein älteres Tangerine-Dream-Album angelehnt ist, erkennt man übrigens spätestens bei dem allerletzten Sound von "Entrance" - Empfehlung: Man gehe im direkten Anschluss vom "Eingang" hinüber zum "Ausgang" ... ;)