Rezension

The Screen Behind the Mirror

Enigma

2000 CD 11 Tracks 43:00
★★★½☆ 7.4/10 (14 Stimmen)
Diese Rezension wurde von Wilhelm Lücken verfasst am 19. Januar 2000 und stammt aus dem MEMI-Archiv (1994–2005).
Drei Jahre haben Enigma-Fans auf ein neues Lebenszeichen des nach Ibiza emigrierten Michael Cretu warten müssen. Die Wartezeit hat sich wieder mal gelohnt, denn auch sein 4. Enigma-Album glänzt wie ein Juwel in der Sonne.
Trotz allen Erfolges hat Mr. Cretu seit seinem letzten Album Einbußen in den Charts, also in den Verkaufszahlen, hinnehmen müssen. Dies begründet sich vor allem in der Tatsache, dass anspruchsvolle Musik nicht mehr wie früher den Abnehmer findet. Warum eigentlich? Aber Enigma ist ein internationales Projekt und hat in Grönland wie auch in Neuseeland seine Fans.

Zum Album:
Track 1: The Gate ... öffnet wirklich ein Tor zu einer anderen Welt, sphärisch, himmlisch. Beschrieben wird die Beschaffenheit unserer Erde von der Engländerin Elisabeth Houghton, mündet dann in Carl Orffs "O fortuna". Track 2 ist eröffnet. "Push the Limits". Es werden wahrhaftig Grenzen gesprengt, der ultimative Kick, ein gigantischer Song mit hypnotischem Rhythmus.
Track 3 und 4 gehen etwas ruhiger an, melodisch, harmonisch, erotisch. In Track 5 "Modern Crusaders" singt Andrew Donalds (bekannt durch den Sommerhit "All out of Love"). Der Song ist jedoch rockig, fetzig, gespickt mit Orff'schen Choreinlagen. Schon jetzt kann man die Linie des neuen Albums erkennen: weg vom Ethno, hin zur Klassik im Sinne von Carmina Burana.
Track 6 bis 9 sind typisch wunderschöne und experimentelle Klangcollagen zum Teil mit der englischen Sängerin Ruth-Ann Boyle von der Gruppe Olive, zum Teil voller Energie, mit elegantem Gitarrenspiel des Studiomusikers Jens Gad (Dänemark) und durchtränkt mit geheimnisvoller Atmosphäre. Track 10 und 11 schließen ein betörendes Album mit zwei grandiosen, einschmeichelnden Melodien ab.
Nach dem Abspann von "Silence must be Heard" verliert sich ein Meisterwerk in die Dunkelheit des Horizonts und kündet (wie gewohnt) eine Fortsetzung in ferner Zukunft an.

Fazit:
Eingefleischte Enigma-Fans werden enttäuscht sein, denn Hits mit Gänsehautfeeling präsentiert die Scheibe nicht. Es ist ein brandneues Werk, ein neuer, fremder Weg. Schwerer Kritikpunkt dieser CD ist die kurze Laufzeit. 43 Minuten ist blanker Hohn. So mancher Song hätte ums doppelte verlängert werden müssen. Aber bei Michael Cretus Musik zählt jede Sekunde, seine gesamten Werke, so auch dieses, sind faszinierend dicht geknüpft, unendlich kreativ und voller Poesie. Michael Cretu sagt: Meine Musik ist wie ein UFO, das landet, bestaunt und erforscht wird und wieder verschwindet.

Bezug (historisch): Virgin 7243 8 48606 22