Rezension

Die Fahrt mit dem Neuroexpress

Paetsch, Gerald & Lezàrd, Troy

MC 0
Diese Rezension wurde von Frank Korf verfasst und stammt aus dem MEMI-Archiv (1994–2005).
Die Namen der beiden Titel auf dieser C60-Cassette sind schon recht eigenwillig: Die A-Seite ist mit Die Akzeptanz des Fluchtwegs betitelt, die B-Seite mit Der Übergang der Identität. Nicht minder eigenwillig ist auch die Liste der verwendeten Instrumente: Neben Synthesizer und Gitarre tauchen hier auch noch Televisionsgerät, DAT-Recorder, Maultrommel, Kalimba und noch einiges mehr auf. Das läßt schon ahnen, daß sich die Musik auf diesem Tape etwas abseits der "Mainstream"-EM befindet.
Aufgenommen wurde die Musik in 4 Sessions, die Stücke sind allesamt live eingespielt und in großen Teilen improvisiert - und eben das macht den Reiz dieser Musik aus.

Seite A beginnt recht ruhig, ein dunkler Klangteppich, darauf die Klänge einzelner Elemente gestreut. Die Musik hat stellenweise einen fernöstlichen Touch, erinnert an dieser Stelle entfernt vielleicht ein bißchen an Mind over Matter. Der "Neuroexpress" nimmt aber immer mehr an Fahrt auf, sprich die Musik wird rhythmischer, es kommen leicht melodische Passagen mit hinein. Hier merkt man die Improvisation, es klingt ein leicht jazzig - aber verdammt gut! Hört am Besten selbst mal rein, ein Ausschnitt aus dieser Passage liegt als Soundfile bereit. Gegen Ende von Die Akzeptanz des Fluchtwegs wird die Musik dann wieder ruhiger, wieder mehr wie am Anfang.
Seite B beginnt zunächst einmal ganz anders, mit einigen Pianoklängen. Das hält allerdings nur wenige Minuten an, dann folgen einige Klangcollagen. Schließlich wird's aber wieder rhythmisch, wieder mit jazziger Session-Atmosphähre. Die Stimmung kommt einfach gut rüber. Auch hierzu ist ein Soundclip vorhanden.
Die Musik geht aber letztlich wieder in Klangcollagen über, im letzten Drittel wird ausgiebig vom "Instrument" Televisionsgerät in Form verfremdeter Fetzen, unterlegt mit Rauschen, Gebrauch gemacht - nebst anderen Klangquellen versteht sich, z. T. wieder untermalt durch den dunklen Klangteppich. Das ganze vermittelt eine sehr eigenartige Atmosphähre, aber durchaus hörenswert.

Als "abgefahren, psychedelisch, freakig" bezeichnet Gerald Paetsch selbst die Musik. Sie ist sehr experimentell, vor allem aber Musik zum zuhören. Wer dieser Art Musik gegenüber nicht generell abgeneigt ist und Lust auf etwas andere Elektronik hat, dem sei dieses Tape auf alle Fälle ans Herz gelegt. Mir jedenfalls gefällt Die Fahrt mit dem Neuroexpress sehr gut.